Wer in das Leben
anderer Menschen
Sonnenschein bringt,
bekommt davon auch
etwas ab.
James Matthew Barrie 1860 - 1937,
schottischer Schriftsteller
Weitere Erläuterungen zusammengestellt von Ortsheimatpfleger Gerhard Henneke
Weihnachten 2018
Lage nach Straßenbezeichnung: Marktstraße 11
Geographische Lage nach Google Earth: 51°31'20.21'' Nord, 8°21'34.70'' O
Höhe ü.N.N.280 m
Allgemeines, Programmablauf der Restaurierung, Finanzierung und Quellennachweis klicke hier
Ein Bildstock, oft in Westfalen auch Heiligenhäuschen genannt, hat viele Bezeichnungen im deutschsprachigen Raum. Heiligenstock in Hessen, Marterl in Österreich u. Bayern, Heiligenstöckl in der Schweiz.
Hauptsächlich in den katholisch geprägten Gebieten Deutschlands und darüber hinaus auch in Ländern der ehem. Donaumonarchie sind Bildstöcke in unterschiedlichster Form anzutreffen.
Die Errichtung und Pflege der Bildstöcke ist Ausdruck großer Frömmigkeit, dabei ist der Rüthener oder Anröchter Stein im hiesigen Raum als Baumaterial genutzt worden.
Die Gründe der Aufstellung waren vielfältig, es war die Erinnerung an Verstorbene, Gefallene und Vermisste der Weltkriege, persönliche Notlagen, besondere Ereignisse oder auch dankbare Erlebnisse.
In katholisch geprägten Gemeinden waren und sind Bildstöcke auch immer Stationen des Innehaltens, der Gebete und Gesänge bei den häufigen Prozessionen; sie waren und sind Orte der Heiligen- und Christusverehrung.
Sie stehen vor einem Bildstock aus Rüthener Grünsandstein gearbeitet. Die Höhe beträgt 2,50 m und die Breite 1,20 m. Sie können über eine ebene Pflasterfläche aus Basamentsteinen zum Bildstock gehen. In der barocken Bauart und an seinem wetterfesten Platz, angelehnt an die große Scheune des stattlichen Hofes. Zu beiden Seiten etwas vorgezogen wachsen 2 Linden mit Durchmesser 60 cm geradlinig zum Himmel. Buchs und Sommerblumen lockern die ansonsten von Steinen dominierte Fläche im östlichen Seitenbereich des Hofes auf.
Der Bildstock ist im Stil des Barock erbaut. In der oberen halbrunden Kartusche ist in erhabener Steinmetztechnik zu lesen: IHS
J H S: das Christus Monogramm und die Kurzform des Namens Jesu
Im Tabernakel ist ein steinernes Relief zu erkennen. Es stellt die Pieta dar, die den gestorbenen Jesus auf ihrem Schoß hält.
Im Jahre 1987 wurde bereits eine Restaurierung vorgenommen.
Als Grund für die Errichtung des Bildstockes wird in der nachfolgenden Abschrift einer alten Urkunde angeführt:
Effeln, den 23.Mai 1922
Dieses Heiligen Häuschen wurde auf den jetzigen Platz gestellt, zum Dank für den göttlichen Schutz bei dem Neubau des Hofes im vorigen Jahre. Es stand
bisher ungefähr 30m unterhalb des Hofes
an der Straße.
Der Bildstock steht unter Denkmalschutz und ist von der Fa. Schmidt aus Laer/Steinfurt restauriert worden.
Aus alten schriftlichen Aufzeichnungen geht hervor, dass offensichtlich eine erste Instandsetzung und auch Versetzung bereits 1922 erfolgte. Desweiteren erfolgte dann 1987 eine weitere Restaurierung durch den Restaurator Lepper, Effeln.
Nachfolgend die mir vom derzeitigen Eigentümer des Hofes Heinrich Grotenhöfer ausgehändigten Abschriften; ich versprach diese Texte unter dem QR-Code-Schild zu veröffentlichen.
Abschrift des Schreibens aus der Flaschenpost unter dem Heiligenhäuschen
Effeln, den 23.Mai 1922
Dieses Heiligen Häuschen wurde
auf den jetzigen Platz gestellt, zum Dank
für den göttlichen Schutz bei dem Neubau
des Hofes im vorigen Jahre. Es stand
bisher ungefahr 30m unterhalb des Hofes
hin an der Straße.
Dieses Schreiben möge in ...(vielen) ..
Jahren zur Erinnerung dienen an die
Zeit 1921 und die Bewohner des Hofes.
Heinrich Grotenhöfer und Teresia geb. Schütte
Kinder: Heinrich, Threschen, Josef, Cäizilia, Friz und
Philomena
Halbbruder : Josef Grotenhöfer
Gesinde: Wilhelm ...... , Hamburg
Theodor Arens, Rüthen
Clementine Kirchhoff, Anröchte
Elisabeth Müller- Buxott, Effeln
Abschrift des neuen Schreibens aus der Flaschenpost unter dem Heiligen Häuschen
Effeln, im Jahre 1987
Am Freitag, den 27. November, wurde durch den Restaurator Leppert aus
Effeln, der auf dem alten Hoppmann'schen Hofe zur Miete wohnt, das
Heiligenhäuschen, welches inzwischen unter Denkmalschutz steht, zur
Restaurierung abgebaut unter Mithilfe von Heinrich Grotenhöfer ( Heinrich,
der IV. Heinrich in der Generationenreihe ). Bei der Freilegung des
Fundaments kam diese Flasche zum Vorschein. Sie war verkorkt und mit
Zement versiegelt. Das darin befindliche Dokument von 1922 war deutlich
zu erkennen und wurde nach vorsichtiger Öffnung durch Josef Grotenhöfer -
3. Kind laut Urkunde- , der wenige Minuten vorher aus Duisburg angereist
war, entnommen und den anwesenden Familienangehörigen, die die
,,Deutsche Schrift" nicht entziffern konnten, vorgelesen. Es wurde
beschlossen, die Flasche unter Beifügung eines ergänzenden Schreibens
wieder zu verschliessen und erneut in das Fundament zu geben.
Der Schreiber von 1922 war der IL Heinrich Grotenhöfer auf dem Hofe. Er
starb 1962 im Alter von fast 85 Jahren. Seine Frau Theresia geb. Schütte
starb 1950 mit 64 Jahren.
Der I. Heinrich kam aus Oestereiden, starb 192O im Alter von 8O Jahren,
nachdem er 3 Schwestern Dauk (Hoferben) jeweils nach dem Tode der
vorhergehenden geheiratet hatte. Die 3. Frau starb 1907.
Der älteste Sohn des Schreibers, Heinrich III., wurde im Kriege 1939-1945 in
Russland vermisst und 1948 für tot erklärt. Threschen starb 1953
unverheiratet, Cäcilia 1964 als Frau Hahne- Jäger, Robringhausen
(7 Kinder), im Alter von 47 Jahren. Fritz -Anerbe nach dem Tode von
Heinrich III.- heiratete Maria Jakobi- Wieneke, starb 1972 im Alter von 54
Jahren. Aus der Ehe stammt Heinrich IV. der jetzige Anerbe.
Philomena heiratete am selben Tag wie Fritz den Bruder von Maria Jakobi
-Tonius, 5 Kinder-. Sie wohnen in Effeln.
Josef verheiratet mit Trude Fischer aus Eschweiler (2 Kinder), wohnt in
Duisburg.
Der IV. Heinrich ist verheiratet mit Marianne Schiller aus Hoinkhausen.
Deren Sohn, der V. Heinrich, ist jetzt 1 Jahr und 8 Monate alt und hat eine
ä1tere Schwester, Christina, 4 Jahre.
Der im Schreiben von L922 genannte Halbbruder Josef trat bei Holzabfuhr
1945 auf eine Tellermine und starb in Brunskappel, verheiratet mit Anna
Hoffe (3Kinder).
Die 1921 errichteten Gebäude sind im äußeren Zustand erhalten, jedoch in
ihrer Nutzung der Entwicklung der Landwirtschaft angepasst. Pferde, Kühe
und Hühner gibt es auf dem Hof nicht mehr. Das Wohnhaus wurde 1948
durch einen Neubau ersetzt.
Gesinde gibt es nicht mehr.
Effeln, das jetzt zur Großgemeinde Anröchte gehört, hat keine Schule mehr,
die Pfarrei wird von Mellrich aus betreut.
Gültige Währung ist seit 1948 die Deutsche Mark (DM), nachdem die Mark
der Kaiserzeit schon durch Rentenmark und Reichsmark abgelöst war.
Wiederverschlossen wurde die Flasche unter Beifügung von Fotos des Hofes
aus der Zeit vor 1921, nach 1921 und nach 1948 sowie einzelnen, heute
gültigen Kleinmünzen.
Heinrich Grotenhöfer und Marianne geb. Schiller
Soweit die Inhalte der Flaschen
Die großen Bildstöcke in Effeln sind, wenn man die Bildstöcke der anderen Orte in der Gemeinde kennt, andersartig.
Lesen Sie dazu den nachfolgenden Artikel:
Wenn Sie vor diesem Bildstock stehen und bereits einige andere solcher religionsgeschichtlichen Denkmale in den übrigen Ortschaften der Gemeinde Anröchte betrachtet haben, dann wird Ihnen sicher auffallen, dass sich dieses volksfromme Wegemonument - wie noch einige andere in Effeln- auffallend deutlich von den bisher gesehenen unterscheidet: Sei es hinsichtlich des Gesteins und auch wegen ihrer äußeren Erscheinungsformen in Struktur, Stil und Ornamentik.
Vor allem hat hier als Material vorwiegend der Grünsandstein aus den Brüchen in der Nähe der Stadt Rüthen bei der Gestaltung dieser volksreligiösen Wegemale in Effeln Verwendung gefunden.
Dazu sei erklärend gesagt, dass das Dorf Effeln bis zur kommunalen Neugliederung im Jahr 1975 verwaltungs- und wirtschaftsgeschichtlich über viele Jahrhunderte eng mit der Stadt Rüthen und dem umgebenden gleichnamigen Gogerichtsbezirk verbunden war. Das bedeutete z.B., dass nach einer Verordnung des kurfürstlich-kölnischen Landesherrn von 1657 für die Dörfer des Gogerichts Rüthen auch die Einwohner von Effeln verpflichtet wurden, ihren Waren- u. Güterbedarf vornehmlich in der Stadt Rüthen zu decken, um die städtische Wirtschafts- u. Steuerkraft nach dem Niedergang im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) wieder zu stärken.
In den Jahren nach Ende des großen Krieges kam es aber auch zu einer rasch zunehmenden Blüte des bau- und kunstfreudigen Barockstils im westfälischen Raum. Die Neuerrichtung und Ausgestaltung von Kirchen, Schlössern, Klostergebäuden und Rathäusern sowie die Schaffung kunstvoller Skulpturen weckten alsbald das große Interesse von Baumeistern und Bildhauern am Rüthener Grünsandstein - von der Gewinnung über die Verarbeitung bis zur Vermarktung. Seine spezifischen Eigenschaften, frisch gebrochen besonders leicht für das Schaffen von Steinhauern bzw. Steinmetzen verwendbar zu sein und zudem an der Luft in kurzer Zeit dann witterungsresistent zu härten, machten ihn zum idealen Werkstoff und Bearbeitungsobjekt auf allen Sektoren der expandierenden neuen Baustilkonjunktur. So erlangte der Rüthener Stein alsbald überregionale Bekanntheit und die Stadt wurde zum nachhaltigen Anziehungspunkt, ja sogar über 100 Jahre zu einem westfälischen Steinkunstzentrum für Baumeister, Steinhauer und Steinmetze, die sich hier in zunehmender Zahl beruflich niederließen. Dabei kamen viele von ihnen aus den südlichen Regionen des Reichsgebiets oder aus dem Ausland, so z.B. aus Bayern, der Pfalz, aus dem Stift Trier oder gar aus Tirol, Böhmen und Italien. Sie brachten bereits Kenntnisse und Erfahrungen zum Barockstil mit, der sich schon viele Jahrzehnte zuvor von Süden nach Norden in Mitteleuropa ausgebreitet hatte und bald gesamteuropäische sowie epochale Bedeutung erhalten sollte. Auch die Gestaltung von Bildstöcken, die nach dem verheerenden Glaubenskrieg einer neuen Volksfrömmigkeit von Bürgern und Bauern in Westfalen vielfachen Ausdruck verliehen, fand in barocken Ausformungen ähnlicher Objekte im Süden seine frühen Vorbilder. Die von dort nach Rüthen zuwandernden Steinmetze nutzten deshalb nun auch ihre barocken Stilerfahrungen bei der örtlichen Schaffung von Bildstöcken. Sie fanden offensichtlich gerade in Effeln aufgrund der dargestellten Gegebenheiten eine Kundschaft, welche sich dieser bislang unbekannten Art der Bildstockgestaltung gegenüber aufgeschlossen zeigte. Vermutlich verstanden es die Effelner Auftraggeber aber auch, die Konkurrenzsituation zum nah gelegenen Anröchter Steinhandwerk, wie auch zwischen den zahlreichen Bearbeitern des Rüthener Grünsandsteins selbst, für ihre Vorhaben und -last but not least- ihre Preisverhandlungen mit bäuerlicher Raffinesse zu nutzen.
Gerade die ausgefallenen barocken Erscheinungsformen der Effelner Bildstöcke, deren unbekannte Rüthener Meister ihren Arbeitsstil aus dem Süden nach Westfalen importierten, sind aber überdies bleibende eindrucksvolle Belege für die gelungene historische Integration, Akzeptanz und Harmonie neuer, zugewanderter Kunst- und Kulturformen im allgemeinen Volksbewusstsein.
Quelle: Henneböle, Eberhard; Baumeister, Steinhauer, Bildschnitzer und Maler in Rüthen nach dem 30jährigen Kriege bis um 1750 - Rüthen als Bauzentrum, Lippstadt 1974 (Beiträge zur Heimatkunde des Landkreises Lippstadt, Heft 5)